Nervenstärke - Tipps und Tricks - Mentale Stärke - Umgang mit Rückschlägen - Vorbereitung - Training

Ich erfinde das Rad nicht neu, das ist mir klar. Sogar kann ich garantieren, dass diese Tipps jeder schon gehört hat. Und doch konnte ich in den letzten Monaten gut erkennen, was in Fahrschülern vorgeht, zum Beispiel am Prüfungstag.

 

2018 haben gesamtschweizerisch 38% der Prüflinge die erste Führerprüfung der Kategorie B nicht bestanden. Eine enorme Anzahl. Die Anforderungen sind gestiegen. Zum Einen entwickelte sich der Verkehr sehr stark. Mehr Fahrzeuge, neue Varianten, steigende Geschwindigkeiten von Verkehrspartnern, und somit auch die Anforderungen an die Fahrschüler. Die Meisten lernen aber früh, damit umzugehen. Ein Grossteil kennt es nicht anders; war vielleicht sogar selbst bis anhin so ein Verkehrspartner auf einem FäG (fahrzeugähnliches Gerät). Wie kommt es also so eine hohe Quote an nicht bestandenen Prüfungen?

- Sind heutige Fahrschüler weniger fähig als noch vor 10 Jahren?  NEIN

- Sind die Strassenverkehrsexperten unfair?  NEIN

 

Eigene, intensive Recherchen der Ergebnisse von Fahrschülern, aber auch im Austausch mit anderen Fahrlehrern, ergeben für ein deutliches Bild.

Ungefähr 10-15% der negativen Prüfungen sind auf harte Fakten zurückzuführen, ohne jegliche Grauzonen. Damit meine ich Missachtungen von Verkehrsregeln wie Geschwindigkeitübertretungen, Befahren von Fahrverboten, Rollstop, Vortrittsmissachtungen.

85-90%, somit der Grossteil der negativen Prüfungen, wird mit weicheren Faktoren begründet. Weiche Faktoren, d.h. Regeln mit Grauzonen. Fälle, in denen die Situation das Verhalten vorgibt. Spezielle Situationen erkennen und umgehend das eigene Verhalten anpassen. Das bedeutet auch, es kann durchaus verschiedene Varianten geben, die Situation zu lösen. Bringe ich jetzt hier die massiven Unterschiede ins Spiel, wie sehr sich der Verkehr veränderte in den letzten 10 Jahren, wird schnell klar, warum heute die Quote der nicht bestandenen Prüfungen höher ist.

 

Einen Faktor, der sich selbst zwar nicht verändert hat, jedoch die Ergebnisse prägt, ist die mentale Stärke. Die Nervosität gabs schon immer, und wirds immer geben. Die Einen können sie besser im Griff halten als Andere. Was ich aber in Verbindung bringen kann, sind unterschiedliche Vorzeichen. Vor 10 Jahren empfand ich als einfacher, mit solider Beobachtung und Fahrzeugbedienung die Prüfung trotz enormer Nervosität erfolgreich zu absolvieren. Aus nun bekannten Gründen kommen Prüflinge in der heutigen Zeit viel schneller und öfters in Situationen, wo sie innert kürzester Zeit reagieren müssen, sicherheitsorientiert und regelkonform. Ich als Fahrlehrer trainiere mit den Fahrschülern so oft als möglich solche Spezialsituationen. Jedoch lässt sich keine Einzige davon künstlich erzeugen oder gar kopieren. Es bleibt für den Fahrschüler die Herausforderung, andere Situationen selbstständig zu lösen, die nicht trainiert werden konnten.

Die gute Nachricht! Man kann dies trotzdem simulieren. Je mehr ein Fahrschüler hinter dem Lenkrad sitzt, auch privat mit bewusst gewählten Fahrstrecken, desto eher erlebt er genau diese speziellen Situationen. Die Situationen anschliessend reflektieren, sich selbst hinterfragen: "Hätte es noch einen besseren Weg gegeben, dies zu lösen? Was kann ich tun, dass ich gar nicht in diese Lage komme?" Wer so an sich arbeitet, füllt seinen Rucksack mit Erfahrung, Wissen, Varianten und schlussendlich gewinnt man auch an Sicherheit. Sicherheit, die sich ausbezahlt. Viel weniger schnell kommt man an den Punkt der Überforderung. An den Punkt, wo dann plötzlich auch sattelfeste Manöver nicht mehr klappen wollen, wie z. Bsp Parkieren. Dass entnehme ich Aussagen von Schülern und Experten. Es bleibt neben der täglichen Arbeit der Ausbildung eines der spannensten Kapitel für mich. Ich arbeite mit Menschen. Menschen, die allesamt unterschiedliche Werte, Charaktere, Meinungen, Wissenstände und Erfahrungen mitbringen. Das macht es für mich aus. Fahrlehrer ist nicht mein Beruf, sondern meine Berufung. Fahrschüler bestmöglich auf den entscheidenden Tag vorbereiten. Den Endspurt bestreiten sie für sich.

 

Was macht die aktuelle Tagesform aus? Tagesform von Physis oder Psyche? Für viele hat die Tagesform der Psyche einen sehr hohen Stellenwert an einer praktischen Führerprüfung. Für mich nicht. Ganz im Gegenteil. Die mentale Stärke ist wichtig, das steht ausser Frage. Jedoch kann man sich so vorbereiten, damit es eben genau nicht auf die psychische Tagesform ankommt. Ist das Nervenkostüm aus Samt und Seide, ist es nicht widerstandsfähig. Ich bastle mir in Fahrstunden und privaten Fahrten eine Ritterrüstung zusammen.

Gerne erläutere ich ein Beispiel aus dem Sport: Was denkt sich Roger Federer, beim Matchball in Wimbledon, unmittelbar vor seinem Aufschlag. Entweder: "Ich kann das, weil ich stark bin. Ich schlage den Ball nahe an die Linie, wie im letzten Spiel!"; oder denkt Roger eher: "Au waia. Hoffentlich passiert mir jetzt kein Schrittfehler. Oder noch schlimmer. Ein Doppelfehler." Es geht in die Richtung der ersten Aussage. Noch viel ausgeprägter als von mir erfunden. Er stellt sich den Aufschlag vor, denn er gleich spielen will. Somit bringt er sich psychisch in eine Lage, positiv denkend den Erfolg zu sich zu lenken. Keine ablehnende Haltung, niemals.

Zurück an der praktischen Prüfung. "Schafft die Prüfung mich, oder schaffe ich die Prüfung? Was will der Experte alles sehen? Welche Strecke wird er wählen? Hoffentlich nicht in diese Strasse. Die mag ich nicht, und dann will er dort bestimmt noch, dass ich seitlich rückwärts einparke. Dort hats das letzte Mal gar nicht geklappt. Und sowieso. Hoffentlich spricht der Experte viel. Oder Stop. Er soll lieber schweigen." Dies sind Gedanken, die mir sehr oft berichtet wurden. Dabei gibt es auch solche: "Yes. Endlich ist der Termin da. Mein Termin, meine Bühne. Ich darf nun zeigen, was ich alles gelernt habe. Der Experte gibt vor, wo wir durchfahren. Und ich löse jegliche Aufgaben, wie ich es in der Fahrschule schon so oft erfolgreich trainiert habe." Ein grosser Unterschied. Welche Aussage hier eher zum Erfolg führt, dürfte klar sein.

Sogar wenn an der Prüfung was nicht wunschgemäss klappt, habe ich immer Möglichkeiten, mich intrinsisch zu motivieren. Lief das Wendemanöver nicht optimal? Dem Experten melde ich z. Bsp.: "Ich halte da vorne kurz rechts an, um durchzuatmen.", sicherheitsorientiert mit Beobachtung und Richtungsblinker, ohne jemanden zu behindern. An der richtigen Stelle, verstösst man gegen kein  Gesetz. Dies sollte natürlich nicht die Regel sein in der selben Prüfung. Aber viele Prüflinge, die negativen Erlebnissen begegnen, hetzen dann von einem Elend ins Nächste. Die Folge? Die selbstgebaute Ritterrüstung voller Wissen und Können fällt in sich zusammen. Dann liegt man am Boden und kann kaum mehr selbstständig aufstehen.

Wie wirkt man diesem Phänomen entgegen? 99% der Fahrschüler melden am Prüfungstag, extrem nervös zu sein. Das ist ok so. "Hier sind wir. Ich und meine Nervosität. Sie wollte nicht zu Hause bleiben. Nun habe ich sie mit dabei. Aber es stört mich nicht. Sie macht mich noch aufmerksamer. Ich schwitze; mein Gesicht stark errötet. Egal. Die Nervosität gehört zu mir. Und zusammen packen wir das." Umso schöner ist es, später den Pokal in die Höhe zu strecken.

 

In dem Sinne zitiere ich für alle Prüfungsabsolventen den deutschen Rapper Konta K.:
"Erfolg ist kein Glück!"